2,8 Grad! Diese Zahl entspringt der neuen Prognose für die Erderwärmung bis zum Jahr 2100. Das 1,5-Grad-Ziel ist inzwischen in Gefahr, doch offenbar scheint das einige Verantwortliche und auch viele Bürger kaum mehr aufzurütteln. Dabei ist es doch ein grundlegendes Thema, das uns alle betrifft.

In den Nachrichten wird das Thema aufgegriffen aber häufig zurückhaltend dargestellt – es ist fast beiläufig, wogegen die Meteorologen beim sich anschließenden Wetter deutlichere Worte finden. Unsere Bundesregierung ignoriert vieles, spielt offensichtlich auf Zeit und verfolgt andere Interessen. Laut Spiegel (19. Oktober 2026) soll sich Bundeswirtschaftsministerin Reiche und ihre Staatssekretäre von Januar bis September 2026 37-mal mit Vertretern von Energiekonzernen getroffen haben. Reiche selbst nahm an sieben dieser Treffen teil. Mit Umweltverbänden gab es auf Leitungsebene nur einen Termin. Mit Unternehmen aus der Branche der erneuerbaren Energien gab es keinen Termin. Merz und Söder glauben vielleicht, dass sie die schlimmsten Folgen nicht mehr selbst erleben werden. Dabei überlassen sie ihren eigenen Kindern eine bedrohliche Zukunft.



Die Folgen der Erderwärmung jedoch werden für uns Menschen tiefgreifend sein. Es geht nicht darum, dass sich die Weltbevölkerung reduziert und sich dadurch Probleme von selbst lösen. Vielmehr drohen neue und größere Krisen: Die Ernährungssicherheit, die Wasserversorgung und die Landwirtschaft geraten zunehmend unter Druck. Je stärker sich die Meere erwärmen, desto größer werden die Risiken für empfindliche Ökosysteme und für klimatische Rückkopplungen. Auch das stark ausgeprägte El-Niño-Ereignis kann die Lage verschärfen. Was unseren Kindern bevorstehen könnte, muss man kaum beschreiben: Viele haben die Bilder aus Katastrophenfilmen vor Augen. Doch selbst diese Bilder könnten die tatsächlichen Folgen verharmlosen – ein Happy End ist keineswegs sicher.

Das günstigste Szenario geht von 1,7 bis 1,8 Grad aus
Mir ist unverständlich, wie Menschen angesichts dieser Szenarien so egoistisch und gleichgültig handeln können. Fridays for Future reagierte auf die UN-Prognose einer Erderwärmung von 2,8 Grad bis 2100 mit der Forderung, dass „Merz über seinen Schatten springen soll“. Wenn alle angekündigten Maßnahmen umgesetzt werden, könnte die Erwärmung auf 2,6 Grad begrenzt werden. Das günstigste im Bericht beschriebene Szenario geht bei sehr weitreichenden Maßnahmen von 1,7 bis 1,8 Grad aus.

Dieses Szenario ist jedoch nicht garantiert: Zu viele Akteure bremsen den Klimaschutz. Es wird wohl noch dauern, bis politische Entscheider wie Trump und Putin sowie andere Klimaschutz-Verweigerer abgelöst werden und Menschen Verantwortung übernehmen, die den Ernst der Lage erkennen. Seit dem Pariser Abkommen ist viel passiert – und dennoch reicht das Erreichte offenbar nicht aus.

Fridays for Future sagt: „2015 wurde das Pariser Klimaabkommen geschlossen. Elf Jahre später rückt die Welt immer weiter vom Kurs auf unter 1,5 Grad Erhitzung ab. Statt konsequenter und gerechter Klimaschutzmaßnahmen erleben wir ein neues fossiles Projekt nach dem anderen: Tankrabatt, Gaskraftwerke, Autobahnen. Die Klimakrise auf 1,5 Grad zu begrenzen ist keine nette Empfehlung, keine ausgedachte Zahl, sondern die äußerste Grenze des Aushaltbaren.“

Auch Fridays for Future verwendet die Begriffe „unfassbar“ und „verantwortungslos“. Jedes Zehntelgrad macht einen Unterschied: Es beeinflusst, wie hoch das Risiko tödlicher Überschwemmungen, extremer Hitzesommer und unbewohnbarer Regionen ist.

Für Fridays for Future ist die Prognose ein Alarmsignal, das die Bundesregierung nicht ignorieren darf. Wir brauchen einen klaren Plan für den Ausstieg aus fossilen Energien – und finanzielle Mittel nicht nur für die Bewältigung von Schäden, sondern auch für vorbeugende Maßnahmen.

Greenpeace argumentiert in eine ähnliche Richtung. Die Organisation weist darauf hin, dass die aktuelle Prognose von 2,8 Grad über den im Vorjahr genannten 2,5 Grad liegt. Die Entwicklung kommt angesichts der bisherigen Politik nicht überraschend. Saudi-Arabien, Russland, China und Indien bremsen nach Darstellung von Greenpeace die Arbeit des Weltklimarats (IPCC) und gefährden damit die Klimaziele. Auch die USA und weitere Akteure – darunter nach Ansicht der Kritiker die Bundesregierung – tragen durch mangelndes Engagement dazu bei. Greenpeace fordert einen Kurswechsel und verweist auf den jüngsten Extremsommer mit Notschlachtungen, Ernteausfällen und mehr als 15.000 Hitzetoten allein in Deutschland. Diese Ereignisse seien ein Vorgeschmack auf deutlich dramatischere Klimafolgen.

Zwei Drittel der weltweiten Energie werden noch immer durch die Verbrennung von Öl, Gas und Kohle erzeugt. Es ist höchste Zeit, dass die Bundesregierung und die EU entschieden gegen diese Entwicklung vorgehen. Die anstehende Weltklimakonferenz in der Türkei bietet dafür eine wichtige Gelegenheit.
Für die Weltklimakonferenz in Antalya ist das ein klarer Auftrag: Die COP31 muss sich daran messen lassen, ob sie die Lücke zwischen Versprechen und Handeln verkleinert. Deutschland hat mit seinem Fahrplan zur schrittweisen Abkehr von fossilen Energien ein klares Signal gesetzt.“

Für die Weltklimakonferenz in Antalya ist das ein klarer Auftrag: Die COP31 muss sich daran messen lassen, ob sie die Lücke zwischen Versprechen und Handeln verkleinert. Deutschland habe mit seinem Fahrplan zur schrittweisen Abkehr von fossilen Energien ein klares Signal gesetzt.“
Angesichts der aktuellen Politik der Bundesregierung dürfte dieser letzte Satz bei vielen Klimaschützerinnen und Klimaschützern allerdings auf Skepsis stoßen. Was bleibt, ist die Hoffnung – und die Aufgabe, selbst einen Beitrag zu leisten. Wir dürfen nicht aufgeben. Es lässt sich noch viel erreichen, wenn sich die politische Haltung möglichst bald ändert.

Hintergrundinformationen zum Emissions-Gap-Report 2026
Der Bericht untersucht ein Szenario mit einer „möglichst geringen“ Überschreitung der 1,5-Grad-Grenze, bei dem die Erwärmung höchstens 1,7 bis 1,8 Grad erreicht. Um diesen Kurs einzuschlagen, müssten die globalen Treibhausgasemissionen gegenüber dem Niveau von 2025 bis 2030 um 18 Prozent, bis 2035 um 45 Prozent und bis 2040 um 69 Prozent sinken. Um wieder auf 1,5 Grad oder darunter zu kommen, wäre es erforderlich, CO₂ in großem Umfang aus der Atmosphäre zu entfernen. Der Bericht hält fest: Die Welt kann die Ziele des Pariser Abkommens noch erreichen. Dafür sind jedoch schnelle, tiefgreifende und nachhaltige Emissionssenkungen nötig, ergänzt durch verstärkte Anstrengungen zur Umsetzung der Beschlüsse aus der ersten globalen Bestandsaufnahme.
Was bleibt, sind die Hoffnung und die Kritik der wenigen, die weiterhin gegenhalten. Viele wirken bereits erschöpft. So manche Kritiker sind aus unterschiedlichen Gründen von der Bildfläche verschwunden. Auch Teile der Bevölkerung möchten es womöglich nicht mehr hören, was Klimafachleute, Umweltverbände und kritische Medien beschreiben. Aber dieses Mal ist es anders. Die Klimaänderungen werden definitiv kommen und unser Leben grundsätzlich ändern. Da hilft es keinesfalls, wenn wir dieses „unbequeme” Thema einfach ignorieren, ausblenden und aussitzen.

Text: UK

Grafiken: KI 2026