• Jeder zweite Erwachsene leidet an Parodontitis
• Dauerhafte Entzündung schädigt den gesamten Körper
• Krankheit im Frühstadium gut behandelbar
Die Zahlen alarmieren. Die Mehrheit der Erwachsenen in Deutschland leidet an Parodontitis, etwa 14 Millionen davon an einer behandlungsbedürftigen, schweren Form. Bakterielle Beläge auf Zähnen und am Zahnfleischrand lösen die Krankheit aus, die sich schleichend zur chronischen Entzündung mit weitreichenden Folgen entwickelt.
„Parodontitis betrifft nicht nur den Mundraum, sondern den ganzen Körper“, sagt Priv.-Doz. Dr. med. dent. Sonja H. M. Derman, Oberärztin und Leiterin des Funktionsbereichs Parodontologie an der Universitätsklinik Köln. „Wir wissen heute, dass die vier großen Volkskrankheiten – Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Atemwegs-Erkrankungen und Krebs – unmittelbar mit Parodontitis zusammenhängen. Mund- und Allgemeingesundheit sind untrennbar verbunden.“
Frühes Handeln entscheidend
Parodontitis wird durch Bakterien im Zahnbelag (Plaque) ausgelöst und ist eine chronische Entzündung mit systemischen Auswirkungen. Bakterien in den Zahnfleischtaschen setzen entzündungsfördernde Substanzen frei, die sich über den Blutkreislauf verteilen können. Das Gleiche gilt für die Entzündungsbotenstoffe, die das Immunsystem als Abwehr gegen die Parodontitis produziert. Dieser Entzündungsprozess schwelt so dauerhaft im ganzen Körper. „Gerötetes oder blutendes Zahnfleisch ist immer ein Warnsignal“, betont Dr. Derman. „Eine rechtzeitige, professionelle Behandlung kann eine reine Zahnfleischentzündung (Gingivitis) vollständig heilen. Ohne Therapie entwickelt sich daraus in den meisten Fällen eine Parodontitis. Die sich nur noch lindern oder verlangsamen lässt.“
Entzündung greift um sich
Besonders problematisch: Parodontitis verstärkt schwere Erkrankungen. Sie steht in enger Wechselwirkung mit Diabetes. Beide Krankheiten beeinflussen und verschlimmern sich gegenseitig. Eine unbehandelte Parodontitis verschlechtert die Blutzuckerkontrolle, wodurch sich der HbA1c-Wert erhöht, und fördert damit diabetische Folgeerkrankungen. Das Risiko für Nierenschäden und erhöhte Sterblichkeit steigt deutlich. „Die wechselseitige Beziehung ist wissenschaftlich eindeutig nachgewiesen“, erklärt Dr. Derman.
Gefahr für Herz und Gefäße
Auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen treten bei Parodontitis-Patienten häufiger auf. Chronische Entzündungen im Mund fördern systemische Entzündungen und arteriosklerotische Veränderungen. Auch hier weisen viele Studien auf einen Zusammenhang hin: Menschen mit Parodontitis erleiden öfter Herzinfarkte und Schlaganfälle. Eine schwedische Studie zeigt, dass das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei schwerer Parodontitis um 49 Prozent steigt – und das innerhalb von nur sechs Jahren.
Bedrohung für die Atemwege
Parodontitis-Bakterien können über die Atemwege in die Lunge gelangen, bei Risikogruppen Infektionen auslösen oder bestehende Erkrankungen wie COPD verschlimmern. Zudem gibt es Hinweise auf Verbindungen zu bestimmten Krebsarten, vor allem im Mund- und Rachenraum. Entzündungsstoffe fördern offenbar die Krebsentstehung und -entwicklung. Das Bakterium Porphyromonas gingivalis steht im Verdacht, chronische Entzündungen zu verursachen, freie Radikale freizusetzen und so DNA-Schäden sowie unkontrolliertes Zellwachstum zu begünstigen.
Vielfältige Auswirkungen
Parodontitis bleibt nicht auf den Mund beschränkt. Durch die Verbreitung von Bakterien und Entzündungsbotenstoffen im ganzen Körper kommt es zum Einfluss auf andere Allgemeinerkrankungen. Sogar bakterielle Infektionen von Endoprothesen oder Herzklappen sind möglich. „Bei unklaren Beschwerden, für die sich medizinisch keine Ursachen finden lassen, sollte man immer auch die Mundgesundheit prüfen“, rät Dr. Derman. „Eine enge Zusammenarbeit zwischen Fachdisziplinen ist hier entscheidend.“
Prävention ist der Schlüssel
Frühes Eingreifen und Vorsorge sind essenziell. Regelmäßige Zahnarztbesuche, eine frühzeitige Therapie und konsequente Mundhygiene senken das Risiko für eine Parodontitis erheblich. Zahnärztinnen und Zahnärzte sehen viele Menschen häufiger als Hausärzte, vor allem in jungen Jahren. Dieses Potenzial für Aufklärung und Früherkennung gilt es zu nutzen.
Initiative proDente e.V.
